„Wald vor Wild ist konsequent umzusetzen“

Wildbiologisches Fachseminar für Waldbesitzer in Langeneck – Über 300 Teilnehmer

Langeneck. Veranstaltet von mehreren Ortsverbänden des Bayerischen Bauernverbandes, unterstützt durch die Kreisverbände Rottal-Inn sowie Altötting im BBV, durch die ARGE-Jagd Niederbayern, Rottal Inn und Altötting im BBV, durch die Waldbauernvereinigungen Gangkofen und Eggenfelden-Arnstorf sowie weiteren am Thema „Jagd und Wild“ interessierten Vereinigungen, darunter der Ökologische Jagdverein Bayern, fand in Langeneck ein wildbiologisches Fachseminar statt. Es trug den Titel „Rehwild heute – was läuft hier falsch?“  Es sollte sich an Waldbesitzer richten mit der Zielsetzung, den Jagdgenossenschaften wieder zu ihrem gesetzlich verbrieften Selbstbestimmungs-Recht zu verhelfen, damit zukunftsfähige, klimatolerante und stabile Mischwälder entstehen können. Dazu aufgestellt war die Forderung, das Jagdrecht konsequent zum Schutz vor Wildschäden umzusetzen und deutlich zu machen, dass die wirtschaftlichen Interessen der Land- und Forstwirtschaft absoluten Vorrang vor den Interessen der Freizeit-Jäger hätten und dass das Postulat „Wald vor Wild“ konsequent umzusetzen sei.

BBV-Kreisobmann Hermann Etzel stellte in seiner Begrüßung die Frage „Warum ist dieses Thema hochbrisant? – Wenn man derzeit die Wälder betrachtet, ist dies klar, denn beim akuten Thema ‚Waldumbau‘ muss das Thema ‚Wild‘ mit eingeschlossen werden. Jagd und Grundbesitz gehören zusammen in ein Miteinander, denn wir verlieren jedes Jahr große Waldflächen. Es herrscht Unruhe in allen Kreisen des Bauernverbandes, der Grundbesitzer und der Jäger. Deshalb ist dieses Fachseminar wichtig, damit man von bloßen Parolen wegkommt. Wir Bauern wollen mit allen relevanten Gruppierungen deshalb im sachlichen Gespräch bleiben, um die Frage zu klären, wie wir Waldbestände etablieren, die langfristig zukunftsfähig sind.“ – Organisator und Moderator, der Landwirtschaftsmeister Martin Kritzenberger vom BBV Hammersbach, stellte zusätzlich die Frage „Warum funktioniert es in manchen Revieren, in manchen nicht?“

Vorgestellt wurden dann die Referenten: der Buchautor und Revierleiter Bruno Hespeler, der Wildbiologe an der Technischen Universität München Prof. Dr. Andreas König, der Waldbau-Spezialist von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf Prof. Dr. Manfred Schölch, der Revierleiter Gerhard Reiter, der BBV-Fachberater Andreas Tyroller sowie der Revierjagdmeister Nikolaus. A. Urban.

Bruno Hespeler warf in seinem Vortrag „Rehwild-Hege – eine durchaus kritische Betrachtung“ einen sehr deutlichen Blick auf die Abschusspläne, die seiner Meinung nach ein verzerrtes Bild der realen Wirklichkeit seien. „Die Zählerei schafft außerdem Feindschaften“, konstatierte er und stellte die Frage, warum Verbiss trotz Winter-Fütterung steige. Seine Antwort: „Die gebräuchliche Fütterung senkt den pH-Wert im Magen, übersäuert ihn und führt zur Azidose. Dies wiederum fördert den Verbiss, weil die Tiere durch das Äsen junger Triebe den pH-Wert wieder normalisieren wollen. Auch Äsungsflächen sind nicht in der Lage, den Verbiss zu senken.“ Er forderte auch, dass die Jagdmethode die Bedürfnisse von Wald, Wild und Jagd erfüllen müsse. Mit den Worten „Landschaft und Klima werden künftig bestimmen, wie zu jagen ist, nicht irgendwelche Richtlinien“ leitete er über zum Referat des Wildbiologen Prof. Dr. Andreas König, das unter dem Titel stand „Aktuelle Ergebnisse aus der Rehwildforschung“.

Er stellte fest, dass Rehe  in der Agrarlandschaft kein Energiedefizit hätten und somit auch im Winter keine Notzeit herrsche, die eine Fütterung notwendig mache. Abrupter Futterwechsel beim Ende der Fütterung fördere letztlich den Verbiss wegen der Umstellung des Verdauungstraktes. Eine geringere Energiedichte werde durch häufigere Äsung ausgeglichen. Außerdem bräuchten die Tiere, um Azidose zu vermeiden, faserhaltige Nahrung, was durch Äsen junger Triebe erfolge, woraus wiederum der Verbiss resultiere. Er schloss mit den Worten: „Rehe sind keine Leistungs-Masttiere, sie haben in der Regel in Bayern keine Notzeit und müssen nicht gefüttert werden.“

Prof. Manfred Schölch ging auf den Einfluss von Rehwild-Verbiss auf den Wald ein und stellte fest, dass Verbiss sich auf unterschiedliche Baumarten auch unterschiedlich stark auswirke, dass Weißtannen und Feldahorn sehr empfindlich reagierten, dass hingegen Rotbuchen, Bergahorn und Eschen sehr gering reagieren und dass sich die Bewuchs-Konkurrenzsituation auch erheblich auf die Wachstumsgröße auswirke. Und entgegen mancher Behauptungen konnte keine der von ihm erwähnten Untersuchungen ein gesteigertes Höhen- oder Wurzelwachstum von verbissenen Bäumchen im Waldbestand nachweisen. Er plädierte dafür, immer durch Begutachtung der Bissstelle zu beurteilen, welche Tierart Verbiss verursache, welche Verbiss-Höhe vorliege und eventuell Kontrollzäune anzulegen. Geringer Verbiss sei wenig bedeutsam, dennoch könne es dadurch Baumarten-Verluste geben. Letztlich müsse man in Kooperation mit den Jägern erreichen, die Verbiss-Probleme zu beseitigen. Sein Fazit: „Naturverjüngung ist immer, auch finanziell, besser als teure Pflanzungen im Zaun“.

Revierleiter Gerhard Reiter sprach über „Möglichkeiten und Grenzen forstlicher Förderung“, er ging auf klimatische Probleme durch höhere Temperaturen, stärkere Stürme, den deutlichen Rückgang der Niederschläge und die Borkenkäfer-Schädigung ein und stellte fest, dass durch all diese Faktoren in den letzten Jahren im Landkreis 8 % der Fichtenfläche verloren gegangen seien. Der Wertverlust für Waldbesitzer im Landkreis betrage dadurch rund 15 Millionen Euro, zudem sei der Holzpreis äußerst niedrig, die Aufarbeitungs- und Wiederaufforstungs-Kosten beträchtlich hoch, sodass sich insgesamt eine Negativ-Bilanz ergebe. Andererseits gäbe es zahlreiche Fördermittel, die man zur Erzielung stabiler Wälder nutzen solle. Wälder sollten aus mindestens vier Baumarten bestehen mit entsprechender Erhöhung des Laubholzanteils (Eiche, Buche) durch Einsatz von wärmeliebenden Baumarten (Elsbeere) und durch alternative Baumarten (Zedern, Baumhasel, Schwarzkiefer, Esskastanie). Er forderte, dass waldorientierte Bejagung absolute Priorität beim Waldumbau haben müsse und dass Kulturmaßnahmen möglichst ohne Zaun unter Beteiligung aller natürlich vorkommenden Baumarten auf großer Fläche erfolgen sollten.

Diesen fachlich fundierten Tatsachen aus dem Bereich Forsten folgte im Anschluss Andreas Tyroller vom BBV Oberbayern. Er zeigte folgerichtig die „Jagdrechtlichen Grenzen der Hege“ auf. Seine klare Aussage: „Das Jagdrecht ist untrennbar mit Grund und Boden verbunden. Mit dem Jagdrecht ist aber auch die Verpflichtung zur Hege verbunden.“ –  Was der Begriff Hege beinhalte und welche Grenzen hierbei auch einem Jagdpächter oder Jagdausübungsberechtigten gesetzt seien, wurde sehr deutlich von ihm angesprochen. Missbräuchliche Fütterung außerhalb von Notzeiten und das Vorlegen nicht artgerechter Futtermittel verhindere Rehwild-Verbiss nicht, sondern fördere den Verbiss sogar. Einer Jagdgenossenschaft als Körperschaft des öffentlichen Rechts komme deshalb eine hohe Selbstverantwortung zu. Dabei müsse sie vor einer Verpachtung dem zukünftigen Jäger klare Regeln, vertragsrechtlich abgesichert, vorgeben.

Revierjagdmeister Nikolaus A. Urban erörterte dann zahlreiche und vor allem erfolgreich nachgewiesene Lösungsmöglichkeiten mittels einer ökologisch und jagdhandwerklich sinnvoll praktizierten Jagdausübung. Er definierte deutlich den gesetzlichen Auftrag an die Jägerei, der laute „Wald vor Wild“. Urban: „Wer sich darüber aufregt, hat die Ökologie nicht verstanden. Dies gilt weltweit für alle Tierarten: Die Grundlage allen Lebens ist die Pflanzennahrung“. Erdrückend still war es im Saal, als Urban konstatierte: „Keiner von uns soll sagen, er hätte es nicht gewusst. Auch jetzt werden lediglich 12 Prozent der Hegegemeinschaften als Grün/Günstig beurteilt. Das heißt, dass 88 Prozent immer noch mit unterschiedlich hohem Verbiss zu kämpfen haben – und das nach 30 Jahren Vegetationsgutachten. Und auch im Prädikat „tragbar“ wird noch verbissen. Die Jägerei möge sich an guten Beispielen orientieren und auf uraltes Jagdhandwerk besinnen – ohne ideologisch auferlegte Schranken.“

Mit langjährig praktizierten guten Beispielen aus dem Rottal beendete Nikolaus Urban seine Ausführungen und übergab das Wort zu einem abschließenden Kurzreferat an Prof. Dr. Andreas König. Thema: „Erfahrungen und wissenschaftliche Untersuchungen der Wildbret-Qualität von Rehwild bei Sammelansitzen und Bewegungsjagden.“ Prof. König: „Das ist für so manchen Freizeitjäger ein ideologisches Reiz-Thema. Aber: Im Körper von durch die Jagd getöteten Wildtieren sind keine nennenswerten Stresshormone festzustellen, auch nicht bei Jagdhundeeinsatz. In durch Straßenverkehr getötetem Rehwild ist dies allerdings völlig anders.“ – Sein Resümee für die anwesenden Jäger war: Sammelansitz, Bewegungsjagd und Jagdhundeeinsatz seien keine Hetzjagd und kein Ausrottungsfeldzug gegen Rehwild.

Abschließend nahmen zahlreiche Teilnehmer an einer Waldexkursion in Angerstorf-Lohbruck teil, geführt von Jagdvorsteher Franz Prinz und Revierleiter Gerhard Reiter. Dort konnten die Beispiele ökologisch sinnvollen Jagens anhand gelungener Wald-Verjüngung vorgestellt werden.

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